BIG XI 2019

               Everything is Biotensegrity, we find it everywhere  Steve Levin Beim diesjährigen Treffen der Biotensegrity Interest Group in Belgien waren wir etwa 25 Infizierte aus Kanada, den USA, Großbritannien, Belgien, Frankreich, Spanien, Deutschland, Dänemark, Russland und vermutlich noch mehr Ländern. Wissenschaftler, Trainer und Therapeuten arbeiten nicht nur daran, Biotensegrity „in die Welt zu bringen“, sondern auch an einer möglichst einheitlichen Sprache. Es handelt sich um einen Balanceakt zwischen den Notwendigkeiten, einerseits wissenschaftliche Anerkennung zu erreichen und andererseits auch für Praktiker und Laien verständlich zu sein. * Vereinfachung darf nie sinnentstellend sein, der wissenschaftliche Blick in die Tiefe nicht das Ganze aus den Augen verlieren und schließlich braucht das Thema eine Aufbereitung, die es in seiner Komplexität vermittelbar macht. * Im Folgenden werde ich verschiedene Vorträge nach bestem Wissen und Gewissen zusammenfassen. Den Anfang macht natürlich Steve Levin, der Vater der Biotensegrität. Er arbeitet seit über dreißig Jahren mit Ausdauer, Humor und Neugier daran, dass diese Grundlage des Lebens mit ihren Gesetzen fachgebietsübergreifend in der Wissenschaft Fuß fasst.

Steve Levin

                      „Soft matter is ubiquituous, we are all soft matter.“ Emppu Salonen Eines von Steve Levins Themen war „soft (condensed) matter“, also „weiches Material“, das physikalisch zwischen Flüssigkeiten und festen Stoffen rangiert und bei dem es sich nicht um festen Stoff mit eingelagertem Wasser handelt, sondern um eine eigene Struktur.  Den Vortrag kann ich nur sehr ungefähr umreißen, da mir die wissenschaftlichen Grundlagen fehlen. Allerdings findet sich im Netz einiges, da 1991 der Physiker Pierre-Gilles de Gennes für seine Erforschung der weichen Materie mit dem  Nobelpreis für Physik geehrt wurde. * Die wesentlichen Punkte seien hier knapp zusammengefasst: 1 Fasziengewebe ist weiche Materie mit den entsprechenden Eigenschaften: Die Moleküle sind geordneter als in einem Gas, aber deutlich ungeordneter als in echten Festkörpern, das Material ist flexibel und stabil und vor allem zeichnet es sich durch die Fähigkeit zur Selbstorganisation aus. (Leonid Blyums Vortrag) 2 Es gibt „kein freies Wasser“ im myofaszialen Gewebe. 3 „Bone is fascia“ und somit weiche Materie. Knochen ist Fasziengewebe, das sich durch die Einlagerung von Kalzium druckstabil gemacht hat. Mit dieser aus der Perspektive der Embryologie absolut nachvollziehbaren Sichtweise widerspricht Steve Levin den „Faszienpäpsten“. Andererseits versinnbildlicht die Einlagerung von Kalzium im Fasziengewebe die unter Punkt 1 genannte Fähigkeit zur Selbstorganisation (Vorträge von Diane Drake Vincenz und Dominique Bourgois) „Biology is soft matter come alive“

Leonid Blyum

Leonid Blyum hat uns alle in die Pflicht genommen, Biotensegrity aus der „Lustige-Modelle-Ecke“ herauszuholen und ihre Komplexität, ihre Allgegenwärtigkeit und die wissenschaftliche Herangehensweise zu ergründen. Als Mitgliedern der BIG ist es in unserer Verantwortung dafür zu sorgen, dass Biotensegrity in unserem jeweiligen Spezialgebiet und darüber hinaus ernst genommen wird. Wissenschaft oder Kuriosität? Die Begegnung mit Biotensegrity verläuft in mehreren Abschnitten, die Neugier ist ganz natürlich der erste Schritt: 1 Die Modelle sind das unterste Level der Begreifbarmachung von Biotensegrität 2 Das Gleiche gilt für Nachbauten lebender Körper (die immerhin die Möglichkeit eines hebelfreien Körpers aufzeigen). 3 Die Beschäftigung mit der Geometrie der Anordnung in Tensegritäten führt in die Sackgasse der Schulgeometrie. 4 Tensegrity als Differentialrechnung – ist nur für ein paar Mathematiker interessant. 5 In der algorithmischen Herangehensweise dienen die Modelle als Verkörperung der unsichtbaren Kräfte in Tensegritäten sowie der dazugehörigen physikalischen Gesetze: "Using the 3D/ tensegrity models to identify and clarify examples of emerging algorithms of intrinsic mechanical interactions that are not numerically calculable via classic mechanics (biomechanics)" Nur letzteres ermöglicht eine echte, weiterführende wissenschaftliche Herangehensweise, die für die allgemeine Akzeptanz von enormer Wichtigkeit ist. Dies schmälert die Bedeutung der Modelle in der  praktischen Vermittlung in Training, Ausbildung und Therapie in keiner Weise! Morphological Computation (Morphologische Berechnung) Diesen Begriff möchte ich gerne erläutern, bevor ich mit Leonids Inhalten fortfahre, da die Übersetzung nicht immer ganz einfach ist. Morphologie bedeutet in der Biologie die Lehre von der Struktur und Form der Organismen. Angeblich hat Goethe das Wort erfunden, und wie ich ihn kenne, könnte das Wort ebensogut die Vernunft der Struktur bedeuten: Wikipedia schreibt von einer Neubildung von Goethe, der altgriechisch μορφή (morphē) „Gestalt“ und λόγος (logos) „Rede, Lehre, Vernunft“   verknüpfte. „When morphology or materials take over some of the funktions of the brain“ Das Gehirn benötigt Rechenzeit, der Körper nicht. Der Körper kann im Hier und Jetzt mit einer sehr großen Zahl von Informationen klarkommen, WENNN.... … (das ist meine These) er frei agieren darf, in seinem Leben genügend Trainingszeit hatte und keine „falschen“ Algorithmen verinnerlicht wurden. „There is no slow down in nature when the problems get numerically tough“ In der Natur verlangsamt die Anzahl der Probleme nicht den Prozess. (Der beste Vergleich wäre hier vielleicht ein Hase, der auf keinen Fall langsamer wird, wenn die Anzahl der Hunde und der Richtungen, aus denen sie kommen, sich vergrößert.) Algorithmen sind Verhaltensregeln, klare und eindeutige Handlungsvorschriften, die den Lösungsweg eines Organismus in einer Problemsituation bestimmen. Um beim Beispiel des Hasen zu bleiben könnten Algorithmen lauten: Je näher der Hund, um so häufiger schlage Haken. Bei mehreren Hunden halte den Fokus auf der Lücke. Leonids Kartoffelsuppe: „Die Herstellung einer Kartoffelsuppe nach einem haushaltsüblichen Rezept mit nur sehr ungefähr standardisierten Mengen, Geräten und Zutaten ginge vermutlich über den aktuellen Stand der Wissenschaft hinaus,“ während geübte Menschen kein Problem damit haben, das Rezept den Gegebenheiten anzupassen. (Nichtdeterministische Algorithmen) Wobei wir hier meines Erachtens die Grenze von den Algorithmen zur Heuristik überschreiten, die es ermöglicht, auch mit unvollständigen Informationen zu halbwegs vernünftigen Ergebnissen zu gelangen.

Dominique Bourgois

Dieser Vortrag war für mich ein sehr spannender, weil er mehrere Themen zusammenführt: Embryonalentwicklung Alles beginnt mit einem kleinen Zellhaufen, aus dem sich nach und nach ein vollständiger Organismus bildet. Nur mit den „Befehlen“ der DNA ist es nicht getan, der Embryo erhält seine Wachstumsreize durch Veränderungen im Spannungssystem. Bones are fascia Die Betrachtung der Embryonalentwicklung zeigt sehr deutlich, dass sich die Knochen „frei schwebend“ aus dem Fasziengewebe bilden, zunächst durch Verdichtung und später durch Kalziumeinlagerung. Aus diesem Blickwinkel ist die Aussage „Bones are fascia“ absolut logisch, nachvollziehbar und systemkongruent. Fasziengewebe kann unterschiedlich elastisch sein und sich unterschiedlichsten Anforderungen anpassen. Wenn daher Knochen (ein Teil der) Faszie sind, wird der Unterschied zwischen den üblichen Modellen und einem lebenden Organismus klar: Tensegrity benötigt 2 Materialien, BIOtensegrity nur eines: Fasziengewebe! Volumes, not layers Dies gilt in der Selbstwahrnehmung, in der Betrachtung, in der Therapie und im Training gleichermaßen. Es ist wichtig, die Faszienzugbahnen ähnlich wie die Tensegrity- Modelle als Hilfe zum Verständnis zu betrachten, aber nicht als Teile eines Körperbaukastens. Sehr schön fand ich die Aussage, dass es hilfreich ist, Konfusion zu verursachen, wenn man Veränderung bewirken möchte. Die folgenden Sätze übersetze ich nur, da sie meines Erachtens keiner weiteren Erklärung bedürfen: There is no such thing as active and passive system. Everything is active. Es gibt keine aktiven und passiven Systeme. Alles ist aktiv. Muscles are not on/off, there is always pretension Muskeln schalten sich nicht an und aus, wechseln nicht zwischen Arbeit und Pause. Muscles organize the deformation of the body Sie sind zuständig für die Organisation der (funktionalsten) Form. If there are no levers, what is there instead? Wenn es keine Hebel gibt, was gibt es stattdessen? Stability based upon the intrinsic forces of the tensegral body! Die dem tensegralen Körper innewohnenden Kräfte geben ihm seine Stabilität (ebenso wie seine Flexibilität und seine Reaktionsfähigkeit).

LINKS:

Biotensegrity Archive, USA Susan Lowells`“Guide to Biotensegrity“: Guide BX 101 Das Einsteigervideo: Biotensegrity Start Video Graham Scarrs Homepage: tensegrityinbiology.co.uk Biotensegrity und Pferde: www.Die-Pferde-sind-nicht-das-Problem.de Blog https://die-pferde-sind-nicht-das-problem.blogspot.com/

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Maren Diehl biotensegrity@t-online.de
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